Predigt vom 1. Advent 2009 aus Anlass der Einweihung des Kirchenfensters (Harald Fenske)

Als Manuskript gedruckt, es gilt das gesprochene Wort

Liebe Gemeinde,
  wer schon einmal die Kathedrale von Chartres besucht hat, wird neben dem berühmten Labyrinth sofort an die 176 Kirchenfenster denken. Chartres besitzt den größten Bestand aller gotischen Kathedralen an erhaltenen Original-Fenstern. Die 6.700 m² überspannenden Fensterflächen wurden 1215-40 geschaffen, die Westfenster unter der Rose schon 1150. Die meisten Fenster haben Brände und Kriege überstanden.
  Was haben eigentlich die Menschen früherer Zeiten gedacht, als sie diese Kathedrale bauten mit Säulen, Figuren und Kirchenfenstern. Als ich in den Sommerferien zusammen mit meiner Frau eine Woche lang die Kathedrale erlebt hatte, wurde im Rahmen einer Führung gefragt, wie man das denn damals finanziert habe, in dem kleinen Ort mit vielleicht 2000 Bewohnern. Die Antwort war: die Idee war da und der Wille war da und die Begeisterung, und das war das Entscheidende.
  Ja, nun haben wir alle die ersten Eindrücke des gut 25 qm² großen neuen Kirchenfensters gesammelt, haben die Farben wahrgenommen, das Licht an diesem trüben 1. Advent. Der Vorhang, der bisher das klare Fenster verborgen hat, ist abgehängt und ein neuer ungewohnter Blick prägt nun diesen Raum. Und wenn ihr abends an dieser Kirche vorbeigeht, werdet ihr wie einige an den Abenden in der vergangenen Woche bei beleuchtetem Innenraum das Gebäude auch von außen anders wahrnehmen, wenn ihr auf das Fenster schaut.
  Vor genau 12 Jahren wurde diese Kirche eingeweiht, wir haben uns an diesen Raum gewöhnt und doch: für manchen fehlte da etwas. Und jetzt nach vielen Diskussionen, nach Planungen, Spendenaufrufen und immer wieder Nachfragen und kritischen Stimmen: Das Fenster ist da. Viele haben dazu beigetragen durch kleine und große Spenden, Firmen und Handwerker vor Ort, eine Bank und vor allem viele Menschen, die sich dieser Gemeinde verbunden fühlen, auch über Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinaus. Manche haben gesagt: bei Beerdigungen, Hochzeiten und Ehejubiläen soll dafür gesammelt werden und viele haben etwas gegeben, viele haben dazu beigetragen.  
  Als vor einem Jahr die Künstlerin Janet Brooks Gerloff starb, war nur eine kurze Zeit Innehalten angesagt, denn die Entwürfe waren weit gediehen und mit dem Glasstudio Derix war ein kompetenter Partner gefunden worden. Wir haben nun das letzte vollendete Werk unserer Mitbewohnerin aus Kornelimünster und unseres Gemeindegliedes Janet Brooks Gerloff vor Augen.

Die Buntheit des Lichts

  Wir erleben Licht in seiner Buntheit und Vielfalt. Dieses künstlerisch gestaltete Kirchenfenster spiegelt ein wenig den Charakter unserer Kirchengemeinde wieder. Das historisch hohe Alter der Gemeinde (1575), damit gehört sie zu den ältesten protestantischen Gemeinde im Rheinland, und das Neue und Heutige sollte berücksichtigt werden, denn in den letzten 50 Jahren sind viele in unsere Gemeinde hinzugekommen, aus den unterschiedlichen Gegenden und mit verschiedenen Traditionen. Alt und Neu musste sich finden. Biblisch gesehen wollten wir eine Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament schaffen. Und noch etwas kam hinzu: Da durch das bestehende Fenster architektonisch eine Vierteilung vorgegeben war, wollten wir die Verbindung von Altem und Neuem mit der Berücksichtigung der Vierzahl schaffen.
  Ganz oben in der Mitte des Fensters wird dargestellt, wie der Strom, der von Eden ausgeht, sich in die vier Hauptarme teilt, die in Gen. 2, also im ersten Buch der Bibel,  mit Namen genannt sind. Ich lese einmal diese Stelle von den vier Paradiesströmen:  Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.  Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila …. Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. Die ersten beiden Flussnamen können heute nicht mehr zugeordnet werden, die beiden letzten Euphrat und Tigris liegen im Gebiet des heutigen Irak, für die Menschen damals also ein paradiesisches Land – kaum vorstellbar: heute ein Krisengebiet.  
  In unserem Kirchenfenster durchströmen sie  als Strom der Verkündigung des Gotteswortes die vier darunter liegenden Felder mit den vier Gestalten der neutestamentlichen Evangelisten, verbunden mit den Symbolen, die seit dem vierten Jahrhundert in der bildlichen Darstellung auftauchen: Mensch = Matthäus, Löwe = Markus, Stier = Lukas, Adler = Johannes. Diese Symbole, gehen auf eine Vision des alttestamentlichen Propheten Hesekiel zurück. Innerhalb der Heiligen Schrift übernimmt das letzte Buch der Bibel,  die Offenbarung des Johannes die Bilder aus der jüdischen Tradition und überträgt sie aufs Christentum. Ich lese aus dem Buch der Offenbarung:
…und um den Thron vier himmlische Gestalten, voller Augen vorn und hinten. Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler.
  Im großen unteren Teil des Fensters strömt die Verkündigung des Evangeliums als lebendige Flut in die ganze Welt.
  So gehören also alt und neu zusammen, altes und neues Testament, das erste und das letzte Buch der Bibel. Und das lebendige Wasser im unteren Teil, im größeren Teil macht uns deutlich, dass wir einerseits bewahren sollen, aber das Bewährte immer wieder neu lebendig umsetzen müssen. Das Alte bewahren, aber nicht konservieren, neu und lebendig werden lassen in der Kirche und in diesem Raum, in dem Gottes Wort zeitnah verkündigt wird und auch nach außen hin ist diese Botschaft sichtbar.

Flucht - eine ewige Geschichte

Eine charakteristische Darstellungsweise der Künstlerin besteht in der schemenhaften Personendarstellung, wobei die Gesichter und auch das Geschlecht „offen“ bleiben, um so eine Identifizierung des Betrachters mit den Gestalten zu ermöglichen, den Betrachter in die Nachfolge zu rufen und ihn zur Weitergabe der biblischen Botschaft zu ermutigen.  
  Im Mittelpunkt der Arbeiten von Janet Brooks Gerloff stehen immer wieder diese Menschen, oft ohne Alter, ohne deutliche Konturen. Sie sind da in ihrer eigenen Intensität. Und indem diese Figuren offen bleiben, können wir uns in Ihnen wieder finden und die Botschaft der Evangelisten aufnehmen und füllen und uns zu eigen machen. Und wir werden in diesem Raum ja in jedem Gottesdienst  auf die Verkündigung des Evangeliums in der Tradition des Alten, des Ersten Testamentes hingewiesen und sind zur Stellungnahme gerufen.
  1. Advent: die erste Kerze brennt. Erstes Licht. Licht. Etwas Wunderbares. Licht das Werk des ersten Schöpfungstages, so steht es ganz am Anfang der Bibel und mitten in der Bibel bei den Propheten das alte adventliche Wort: Mache dich auf und werde Licht.
  Dieses Wort wurde in einem geschundenen Land damals gesprochen. Es waren 60 / 70 Jahre seit dem großen Krieg vergangen, damals, als man sich einem übermächtigen Feind ergeben musste, als man die Unabhängigkeit verlor  und zu einer von vielen unbedeutenden Provinzen eines Weltreichs absank.
  Die Hauptstadt zerstört, das Land besetzt, Gewissheiten zerbrochen. Ein großer Teil der Bevölkerung musste Haus und Hof verlassen und sich in der Fremde ansiedeln, versuchen, ein neues Leben anzufangen. Unzähligen Menschen ist es so ergangen im Lauf der Weltgeschichte, nicht zuletzt im 20. Jahrhundert mit seinen so genannten ethnischen Säuberungen, mit Flächenbombardements und verbrannter Erde, mit Flucht und Vertreibung. Viele Ältere erinnern sich noch sehr gut, wie sie die Heimat verlassen mussten. Und mit welchen Gefühlen! Und viele von uns erinnern sich an die Erzählungen der Eltern oder Großeltern. Auch 2009 sind die Flüchtlingslager überfüllt.
  Damals also, vor gut 2500 Jahren: Jerusalem. Die Vertriebenen von einst sind zurückgekehrt, manche jedenfalls. Die meisten freilich sind längst tot. Ihre Kinder oder Enkel sind in das Land der Eltern und Großeltern gezogen. Andere haben sich gar nicht erst auf den Rückweg gemacht. Das Leben ist geprägt von Armut - und von Streit mit denen, die zwischenzeitlich das Land in Besitz genommen haben.
Die Mauern der Stadt sind eingerissen. Das legendäre Heiligtum, der Tempel des Herrn, ist eine triste Baustelle, an der kaum etwas passiert. Es fehlt an Geld, es fehlt ja an so Vielem. Ja, Jerusalem liegt am Boden. Der Prophet aber spricht (und ich übersetze jetzt den Beginn anders):
 „Steh auf, werde licht. Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Aber über dir geht auf der HERR, und eine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher:
Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Der Reichtum der Völker wird zu dir kommen. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Dann wirst du vor Freude strahlen.  Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen.“

Zuspruch ist nötig

Solchen Zuspruch, liebe Gemeinde, brauchen wir:
- Steh auf! Du musst nicht am Boden bleiben,
- du kannst wieder aufstehen!
- Auch wenn für dich alles noch dunkel ist, das Licht kommt. Solchen Zuspruch brauchen wir in unserem Leben.
- Wenn die mit Bangen erwartete Diagnose lautet: Krebs,
- wenn das Kind behindert zur Welt kommt,
- wenn der Familienbetrieb Insolvenz anmelden muss,
- wenn ich einen schlimmen Unfall verschuldet habe,
- wenn ich bei einer wichtigen Prüfung durchgefallen bin,
- wenn die Liebe zerbricht, wenn die Familie auseinander fällt, dann brauchen wir dieses: Steh wieder auf!
  Dann brauchen wir jemanden, der mir die Hand reicht und mir hilft. Dann brauchen wir eine, die sich herabbeugt, um mir nahe zu sein.
   So ...  fällt ein Lichtstrahl in meine Finsternis,  so kann es wieder hell werden, ganz langsam, allmählich oder auch wie ein plötzliches Aufleuchten.
  Wir dachten: es ist alles vorbei. Jetzt aber sehen wir, dass es doch weiter geht, ganz anders womöglich, als wir´s uns je vorgestellt hatten.  
  Für Jerusalem entwickelt der Prophet damals eine großartige Vision. Vieles ist ganz der damaligen Situation verhaftet:
- Die Söhne und Töchter, die zurückkehren,
- die Töchter, die auf dem Arm getragen werden wie kleine Kinder,
- Kamele, die aus fernen Ländern mit exotischen Namen kommen,
- Lasttiere für die Schätze, die von weither gebracht werden,
- Gold und Weihrauch, Gaben der Heiden, zum Wiederaufbau des Tempels und für den Gottesdienst. Gottes Herrlichkeit ist es, die über Jerusalem aufgeht. Sein Licht ist es, das die Heiden sehen. Seinetwegen ziehen sie nach Jerusalem.
  Eine Vision des Propheten - kräftig ausgemalt und mit vielen Bildern. Visionen jedoch ... brauchen einen langen Atem.
  Der Evangelist Matthäus überliefert uns eine Geschichte, in der sich diese Vision verwirklicht, wenigstens in der Weise eines Anfangs. Wir werden sie in den nächsten Tagen wieder hören. Die Heiden kommen, die Magier, wie Matthäus schreibt, die Sterndeuter: Bei uns heißen sie die Weisen aus dem Morgenland, in der katholisch geprägten volkstümlichen Tradition: Heilige drei Könige.
  Sie erkennen das Licht, das über der Finsternis aufgeht, die das Erdreich bedeckt.
Nicht in Jerusalem direkt, sondern in dem Vorort Bethlehem, in dürftigen Verhältnissen. Hier finden sie die Herrlichkeit Gottes, in einem Kind einfacher Leute.
Zwar sind es keine Völkerscharen, sondern nur wenige Personen, vielleicht drei.
Und sie bringen nicht den Reichtum der Völker - wohl aber erlesene Geschenke.
Wie in unsrer heutigen Vision aus dem Buch Jesaja: Gold und Weihrauch, dazu Myrrhe, einen kostbaren Duftstoff.
  Für Matthäus beginnt sich die Vision des Propheten zu erfüllen. Die Herrlichkeit Gottes ist da, in Jesus Christus. Das konnte Matthäus in seiner Zeit selbst erleben, wir sehen ihn da oben, ganz links außen mit seinem Symbol neben sich, der Mensch.
 Mache dich auf, nein besser gesagt, steh auf. Die Christen sind in Deutschland nur eine Glaubensgemeinschaft unter vielen, eine der größeren zwar, dafür vielfältig gespalten. Und oft verzagt, jedenfalls bei uns hier, angesichts leerer Kirchen und sinkender Mitgliederzahlen, angesichts eines religiösen Interesses, das Befriedigung bei Esoterik oder extremen Gruppierungen findet oder zumindest sucht. Die Kirche liegt wohl nicht am Boden, wie die jüdische Religion damals in Israel, aber die Vollendung bleibt eine Verheißung, die Vision des himmlischen Jerusalem, über dem die Herrlichkeit Gottes aufgeht.
  Wir brauchen aber Visionen, Hoffnung, die über den Tag hinausgeht. Dann wächst uns die Kraft zu, nicht am Boden zu bleiben, vielleicht sogar der Schwung, anderen aufzuhelfen.
  Manchmal ereignet sich ein Anfang.
Auch wenn keine schätzebeladenen Kamele die Landschaft bedecken, es aber gelingt, von unserem Reichtum abzugeben und Brot für die Welt zu sein.
- ein Anfang!
  Auch wenn keiner seinen Anspruch aufgeben will, in Jerusalem jedoch verschiedene Völker und Religionen in Frieden beieinander wohnen könnten
- ein Anfang!
  Auch wenn viele sagen, ihr Christen habt doch nichts zu melden, mit der christlichen Botschaft kann man doch nicht die Welt regieren. Wir haben die Hoffnung, dass wir etwas zu sagen haben und auch zu zeigen haben, nämlich die Botschaft der Evangelisten, die Botschaft des Alten und des neuen, die Botschaft der Lebendigkeit, so wie es jetzt unser Fenster zeigt. Deshalb Steh auf, denn dein Licht kommt.

Amen.

Ansprechpartner
Axel Schmeitz

Tel. 02408-2895
E-Mail