Historische und theologische Gesichtspunkte zum neuen Kirchenfenster

Die Evangelische Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall (früher nur Zweifall genannt) existiert seit 1575 und gehört damit zu den ältesten ev. Kirchengemeinden in der rheinischen Kirche. Sie erstreckt sich über 5 Ortsteile im Stolberger Süden und über 11 Ortsteile im Südraum der Stadt Aachen.

Seit 1683 gibt es im Ortsteil Zweifall eine kleine ev. Kirche. Als nach dem 2. Weltkrieg in den anderen Ortsteilen durch Flüchtlinge und durch den Wiederaufbau der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule hohe Zuwächse an Gemeindegliedern zu verzeichnen waren, wurde 1965 in Kornelimünster (seit 1972 zu Aachen gehörend) ein neues ev. Gemeindezentrum gebaut, das - bedingt durch weiteres Anwachsen von Gemeindegliedern - 1997 umgebaut und eine neue Kirche errichtet wurde.

Im Rahmen des Neubaus wurde zunächst auf ein gestaltetes Kirchenfenster verzichtet, ein späterer Einbau jedoch technisch vorgesehen. In den letzten 10 Jahren gab es immer wieder Ansätze für den Einbau, Angebote wurden eingeholt und Entwürfe diskutiert.

Es lag also nahe, bei der Gestaltung eines Kirchenfensters einerseits das historisch hohe Alter der Gemeinde und andererseits das Neue zu berücksichtigen. Hier bot sich die künstlerische Umsetzung und Verbindung von Altem und Neuem also an, biblisch gesehen die Darstellung des Alten und Neuen Testamentes. Da durch das eingebaute Fenster architektonisch eine Vierteilung vorgegeben war, wollten wir also zusammen mit der lokalen und doch international bekannten Künstlerin Janet Brooks-Gerloff die Verbindung von Altem und Neuem mit der Berücksichtigung der Vierzahl schaffen.

Verbindung von Alt und Neu

Ganz oben in der Mitte des Fensters wird dargestellt, wie der Strom, der von Eden ausgeht, sich in die vier Hauptarme teilt, die in Gen. 2, 11 - 14 mit Namen genannt sind. Sie durchströmen als Strom der Verkündigung des Gotteswortes die vier darunter liegenden Felder mit den vier Gestalten der neutestamentlichen Evangelisten, verbunden mit den Symbolen, die seit dem vierten Jahrhundert in der bildlichen Darstellung auftauchen: Mensch = Matthäus, Löwe = Markus, Stier = Lukas, Adler = Johannes. Diese Symbole, auch als "Tetramorph" bezeichnet, gehen auf eine Vision des Propheten Hesekiel (1, 4 - 20) zurück. Auch hier gibt es innerhalb der Heiligen Schrift eine Verbindung zwischen Altem und Neuem, denn die Offenbarung des Johannes übernimmt die Bilder aus der jüdischen Tradition und überträgt sie aufs Christentum (Offenbarung 4, 6 - 8). Seit dem vierten Jahrhundert werden durch den Kirchenvater Hieronymus die genannten Symbole und Gestalten den vier Evangelisten zugeordnet. Im großen unteren Teil des Fensters strömt die Verkündigung des Evangeliums als gewaltige Flut in die ganze Welt.

Identifizierung möglich

Eine charakteristische Darstellungsweise der Künstlerin besteht in der schemenhaften Personendarstellung, wobei die Gesichter “offen“ bleiben, um so eine Identifizierung des Betrachters mit den Gestalten zu ermöglichen, den Betrachter in die Nachfolge zu rufen und ihn zur Weitergabe der biblischen Botschaft zu ermutigen.

Die Zusammengehörigkeit der Botschaft des Alten und des Neuen Testamentes werden durch das Kirchenfenster ausdrücklich betont. So wie die vier Evangelisten die Christusbotschaft tradiert haben, soll die Verkündigung der Botschaft der ganzen Heiligen Schrift in unserem Kirchenraum verkündigt werden.
Die Künstlerin hat unserer Meinung nach diesen theologischen Ansatz deutlich und künstlerisch ansprechend umgesetzt und lädt damit zur Betrachtung und Meditation ein. Ihr Entwurf harmoniert in überzeugender Weise mit der klaren Gestaltung des Gottesdienstraumes.

Ansprechpartner
Axel Schmeitz

Tel. 02408-2895
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