Wie Corona unsere Gemeinde verändert

Reportage von Lina Schopen aus der Ev. Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall

„Liebe Gemeinde, Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Diese Worte aus dem ersten Kapitel des zweiten Timotheusbriefes scheinen mir wie für die aktuelle Situation geschrieben.“ Pfarrer Rolf Schopen steht hinter dem Altar, auf dem Kerzen brennen, und spricht ins Mikrofon. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn er tut das mindestens jeden zweiten Sonntag, im Wechsel mit seiner Kollegin Ute Meyer-Hoffmann.

Aber heute, an einem Dienstag Ende März 2020, ist die Kirche leer. Anstelle der rund 80 Personen, die sonst im Durchschnitt an einem normalen Sonntagsgottesdienst teilnehmen, sind nur vier Personen anwesend: der Pfarrer, die Kirchenmusikerin, ein Ehrenamtlicher, der für die Technik zuständig ist, und ich. Wir sitzen weit über die Reihen verteilt, um einander bloß nicht zu nahe zu kommen.

Es ist die Woche nach dem Lockdown, und die Bundesregierung hat nicht nur Schulen und Läden geschlossen, sondern auch Präsenzgottesdienste (eins der vielen Wörter, die plötzlich in den allgemeinen Sprachgebrauch Einzug gefunden haben) verboten. Deshalb ist die evangelische Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall, die im Süden von Aachen direkt an der belgischen Grenze liegt, auf Online-Andachten umgestiegen. Immer mittwochs und sonntags um 11 Uhr sollen von nun an 20- bis 30-minütige Audio-Dateien auf die Gemeindewebseite hochgeladen werden. Wenn die Menschen nicht in den Gottesdienst kommen können, dann soll der Gottesdienst eben zu den Menschen kommen.


Einen Monat später, Ende April, zeichnet sich ab, dass das Angebot angenommen wird, und das in unerwartetem Maße: Bis zu 180  Mal wird sonntags auf die aktuelle Online-Andacht zugegriffen. Der regelmäßige Gottesdienst scheint vielen Menschen wichtig zu sein, auch wenn er nicht gemeinsam in der Kirche gefeiert werden kann. „Wir versuchen, durch Gebete, Ansprachen und Musik die Gottesdienste sehr hörerorientiert zu gestalten“, erklärt Pfarrerin Ute Meyer-Hoffmann mir in einem Telefongespräch. „Das Spannende ist, dass wir dabei zum Teil höhere Zuhörerzahlen haben als im normalen Gottesdienst.“

Bedeutet das, dass die Menschen in unserer aufgeklärt-säkularen Gesellschaft in Krisenzeiten wieder mehr Halt im Glauben suchen und finden? Eher nicht, meint Pfarrer Schopen. Zwar würden wie in jeder Krise sicherlich mehr Menschen nach Gott fragen. „Aber ich denke, dass das zumindest in der Regel nur bei Menschen funktioniert, die auch vorher schon ein Glaubensleben praktiziert und Vertrauen in Gott aufgebaut haben. Dann kann dieses Vertrauen in Krisenzeiten sicher auch besonders tragen. Gerade, wenn man isoliert ist, kann der Glaube dazu beitragen, dass man sich begleitet und behütet weiß, sogar im Angesicht von Sterben und Tod.“

Letzteres ist jetzt zu einem besonders sensiblen Thema geworden, das aus seelsorgerlicher Perspektive viel Aufmerksamkeit und Hingabe erfordert. Die Anzahl der Menschen, die sich täglich bei der Telefon-Seelsorge im Kirchenkreis Aachen melden, hat sich seit Beginn der Corona-Krise um 50 Prozent gesteigert. Statt 27 wie im Vorjahr führen die 90 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt 40 Telefonate am Tag. Auch die Anzahl der Chatkontakte hat sich mehr als verdoppelt. Hauptthemen der Seelsorgekontakte sind wie in jeder Zeit Einsamkeit und Angst. Diese wird nun aber durch die von Covid-19 ausgehende Bedrohung noch gesteigert.


Auch Petra Jentgens, die als Diplomsozialarbeiterin in der diakonischen Gemeindearbeit tätig ist, berichtet von ihrer seelsorgerlichen Tätigkeit. Zu ihrer Zielgruppe gehören Menschen ab 60 Jahren, die nun besonders gefährdet sind und oftmals gänzlich isoliert leben. Da die wöchentlichen Treffen wegfallen und auch Hausbesuche nicht mehr möglich sind, mussten andere Mittel und Wege gefunden werden, um die Senioren begleiten und unterstützen zu können. „Im Mittelpunkt stehen das Telefon und die Post, um mit den Gemeidegliedern in Kontakt zu bleiben, zu beraten, miteinander Lösungen zu unterschiedlichen Problemen zu überlegen oder einfach nur zu plaudern“, so Jentgens. Mit dem Internet könnten viele der über 80-Jährigen nicht umgehen. Aber besonders die immer schon bestehenden Telefonketten funktionierten gut. So würden die Menschen auch einander helfen. „Insgesamt sind es etwa 90 bis 100 Gemeindeglieder, die auf diesem Weg in Kontakt stehen“, schätzt Jentgens. „Das ist auch für mich eine große Beruhigung, denn allein könnte ich das über diese lange Zeit, deren Ende auch noch nicht abzusehen ist, gar nicht leisten.“

Per Post erhielten die Senioren Flyer und Hefte, die sonst im Gemeindezentrum auslägen, auch Rätsel seien sehr beliebt. Zu Ostern seien kleine Osterkerzen verschickt worden. Um die aktuelle Situation zu reflektieren, so Jentgens, habe sie dem letzten Rundbrief außerdem den berühmten und vielzitierten Satz Dietrich Bonhoeffers beigelegt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Nun sei es Aufgabe der Senioren, sich bewusst zu machen, was sie in diesen Zeiten Gutes und Schlechtes erleben, und ihr diese Gedanken zu übermitteln. „Die werde ich dann zusammenfassen und den Einzelnen wieder zukommen lassen. Also Gruppenarbeit der anderen Art.“


Gruppenarbeit der anderen Art macht derzeit auch Joachim Richter, Diakon und Jugendleiter der Kirchengemeinde. Petra Jentgens kümmert sich um die ältesten, er um die jüngsten Gemeindeglieder. Neben besonderen Events wie den alljährlichen Kinderzelttagen und den Formaten „Poetry Slam meets Rockandacht“ und Motorradgottesdienst besteht sein Arbeitsalltag in erster Linie aus Kinder- und Jugendgruppen, die sich jetzt natürlich nicht mehr treffen können. Zumindest physisch nicht, denn digital bestehen viele Gruppen weiter.

Einige ältere Jugendliche haben sich außerdem zum Nähen von Masken zusammengeschlossen, die später verkauft werden sollen. Der Erlös ist für die christliche Organisation „United4Rescue“ bestimmt, die ein Schiff zur Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer finanziert. „Ich persönlich kann nicht nähen“, schmunzelt Richter, mit dem ich per Zoom kommuniziere. „Deshalb fahre ich von Person zu Person, bringe dem Einen noch Gummibänder und dem Anderen Stoffe. Ich bin also quasi der Zulieferer.“


Mit Kirchenmusikerin Anke Holfter treffe ich mich im Kirchgarten. Die Sonne scheint, die Vögel singen um die Wette, und ein paar Meter von uns entfernt blühen Frühlingsblumen. Idyllischer geht es kaum, und der scharfe Kontrast, der zu den tragischen und gefährlichen Umständen auf der ganzen Welt entsteht, irritiert mich.

Auch die Arbeit von Anke Holfter musste komplett umgekrempelt werden. „Chorproben gibt es auf keinen Fall, das ist so ungefähr das Ansteckendste, was es gibt“, sagt sie und lacht kurz, aber es ist kein fröhliches Lachen. Deshalb habe auch das alle zwei Jahre zu Pfingsten stattfindende ökumenische Chorprojekt, auf das viele Sängerinnen und Sänger hingefiebert hätten, abgesagt werden müssen. In diesem Jahr hätte die Bachkantate „Brich dem Hungrigen dein Brot“ aufgeführt werden sollen. Das wird nun unmöglich sein. „Das ist das Traurigste“, sagt Holfter. Aber auch die Arbeit mit den zahlreichen Hobbymusikern, mit denen sie sonst die Gottesdienste gestaltet, sei aktuell schwierig. Dafür habe sie jetzt viel Zeit zum Üben, wovon die Gemeinde dann später profitieren könne. Und natürlich übernimmt sie auch die musikalische Gestaltung der Online-Andachten.

Holfter betont, wie wichtig Musik grundsätzlich, aber auch ganz konkret für den Glauben ist. „Ich finde, dass Musik Lebensbereiche, Gefühle und auch Glaubensdinge ausdrücken kann, die in Worten eigentlich nicht zu fassen sind. Musik erreicht andere seelische Ebenen. Und Musik ist auch Austausch, Kommunikation mit anderen.“ 


Dann wird es Mai, und auf einmal sind Präsenzgottesdienste wieder erlaubt. Allerdings nur unter strengen Auflagen. So muss jede einzelne Gemeinde dem Gesundheitsamt ein eigens ausgearbeitetes Hygiene-Konzept vorlegen, das vor der Wiederaufnahme der Gottesdienste bewilligt werden muss. Eine lebhafte Diskussion entbrennt: Sind Gottesdienste unter diesen Umständen überhaupt sinnvoll? Nein, meinen die Einen, auf Gottesdienste ohne Gemeindegesang, aber mit Maske, Teilnehmerbeschränkung und Abstandsregeln könne man verzichten. Ja, meinen die Anderen, gemeinsam mit anderen Gottesdienste feiern zu können, sei für viele enorm wichtig.

„Was fehlt, ist die Zwischenmenschlichkeit“, meint Küster Christian Meyer. Abgesehen davon, dass er das Kirchengebäude sauber- und instandhält, ist er vor allem die Seele der Gemeinde. Normalerweise kommen viele Gemeindeglieder bei ihm auf eine Tasse Kaffee vorbei mit einem Anliegen, das sie nicht direkt vor die Pfarrerin oder den Pfarrer bringen wollen. Seit der Kontaktsperre bleibt das aus. Aber auch bei Wiederaufnahme der Präsenzgottesdienste wird es nicht möglich sein, im Anschluss wie sonst gemütlich beisammenzusein und sich zu unterhalten.


Die für Mai geplanten Konfirmationen werden jedenfalls frühestens im Herbst stattfinden. An einen Festgottesdienst mit mehreren hundert Teilnehmern ist nicht zu denken. Die aktuellen Konfirmandengruppen erhalten derweil digitalen Unterricht per Zoom. An einer solchen Konferenz darf auch ich teilnehmen. Die Mädchen und Jungen erzählen von den von ihnen gewählten Konfirmationssprüchen und machen dabei einen ganz lebhaften Eindruck.

„Es ist natürlich kein Vergleich zu den Treffs, die wir vorher persönlich hatten“, sagt die 14-jährige Pauline. „Trotzdem ist es schön, die Leute zumindest nochmal auf dem Bildschirm zu sehen.“ Ihre Antwort auf die Frage, wie es für sie sei, dass sie eigentlich am vergangenen Wochenende konfirmiert worden wäre, fällt klar und deutlich aus: „Es ist zwar schade, dass die Konfirmation nicht wie gewohnt stattfinden kann, trotzdem würde ich es vorziehen, sie auf nächstes Jahr zu verschieben.“ Schließlich sei die Konfirmation ein Familienfest, bei dem alle Verwandten dabei sein sollten. Und Vorfreude auf etwas, das noch kommen wird, habe in diesen schwierigen Zeiten auch sein Gutes.


Letztendlich entscheidet das Presbyterium, das Leitungsgremium der Kirchengemeinde: Ab dem 17. Mai sollen wieder Präsenzgottesdienste stattfinden. Das Angebot der Online-Andachten mittwochs und sonntags soll trotzdem aufrechterhalten werden, für die Menschen, die nicht in die Kirche kommen können oder wollen. Für wie lange noch, bleibt offen. Liegt hier die Chance für die Kirche als Institution, auf den Digitalisierungszug aufzuspringen und sich so zumindest in dieser einen Hinsicht zu erneuern?

Möglich, meint Pfarrerin Meyer-Hoffmann. Gottesdienste zum Nachhören habe es auch vor der Corona-Krise schon gegeben, in Zukunft würden die Sonntagsgottesdienste aber vielleicht sogar live gestreamt werden. So könnten auch diejenigen, denen es wegen der Teilnehmerbegrenzung oder aus anderen Gründen nicht möglich ist, in die Kirche zu kommen, den Gottesdienst zeitgleich miterleben. Pfarrer Schopen schlägt außerdem vor, dass einige der Treffen, bei denen verwaltungs- und leitungstechnische Angelegenheiten behandelt werden, in Zukunft öfters online stattfinden könnten. Das würde Zeit und Geld sparen, und wäre zudem noch gut für die Umwelt, weil dann nicht mehr teils lange Strecken mit dem Auto zurückgelegt werden müssten.

Grundsätzlich aber zeige, so Schopen, die aktuelle Situation vor allen Dingen, dass Kirche von der persönlichen Begegnung lebt. Diese könnte dann in Zukunft vielleicht wieder mehr gewertschätzt werden. „Gleichzeitig halte ich es für möglich, dass mehr Gemeindeglieder entdecken, dass sie ihren Glauben auch privat und zu Hause leben und pflegen können“, ergänzt Schopen.

Bleibt die noch die Frage, inwiefern Glaube in diesen schwierigen Zeiten Halt bieten kann. Meyer-Hoffmann betont, der christliche Glaube gehe tiefer als die einfache Hoffnung, dass einmal alles gut wird, und zitiert Václav Havel, ehemals Präsident der Tschechoslowakei: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal, wie es ausgeht.“ Zweifellos, so die Pfarrerin, würden viele Menschen gerade viel Leid erfahren. Das dürfe nicht kleingeredet werden, und auch Klage gehöre zum Glauben dazu. „Aber wir fallen nicht ins Nichts. Und ich denke, es wird eine Zukunft geben, auch wenn sie anders aussieht als die Vergangenheit.“

Für Pfarrer Schopen ist ein weiterer zentraler Punkt der Glaube als gelebte Gemeinschaft. Kurz vor Schluss jeder Online-Andacht, zwischen Fürbitten und Segen, spricht er das Vaterunser. Alle Zuhörerinnen und Zuhörer sind eingeladen mitzubeten, um sich so durch ihren Glauben miteinander verbunden zu fühlen. Dann läuten die Glocken in allen Wohnzimmern: ein Zeichen der Hoffnung. Wir schaffen es gemeinsam durch diese schwierige Zeit. Denn „Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

(Text: Lina Schopen; Bilder: Ulrich Niemann, Wolfgang Schierp, Fotostudio Walheim)

 

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