Evangelische Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall

22.05.2021

Königin mit 2000 Pfeifen

Die Orgel ist „Instrument des Jahres“. Warum sie fast menschlich ist, erklärt der Kantor Georg Hage.

Auch so kann manein ganzes Or-chester leiten: Kantor Georg Hagean seiner Orgel in der Aachener Annakirche. Foto: Harald Krömer

Von Peter Pappert

Sie kommt so hoch, dass man es kaum noch hören kann, und so tief, dass es unheimlich dröhnt. Sie kann ganz zärtlich leise und bombastisch laut werden. Wer über ein derart breites Spektrum verfügt, ist schon etwas Besonderes. Es gibt also gute Gründe dafür, dass die Orgel als Königin der Instrumente gilt.

„Kein anderes Instrument hat diese Reichweite“, schwärmt Kantor Georg Hage. Er sitzt in der evangelischen Annakirche in Aachen vor seiner Weimbs-Orgel aus dem Jahr 1994. Die ist von der gleichnamigen Orgelbauwerkstatt in Hellenthal entworfen und gebaut worden – eine Königin mit mehr als zweitausend Pfeifen, von denen man nur die allerwenigsten sieht. „Letztlich ist jede einzelne dieser Pfeifen ein Instrument für sich.“ Das heißt: Hage bedient an der Orgel „mehr als zweitausend Blasinstrumente“. Ein entsprechend großes Orchester auf einer Bühne ist „indoor gar nicht zu realisieren“.

Seit 2008 ist Hage an der Annakirche tätig. Der 42-Jährige (verheiratet, zwei Söhne) leitet den Bachverein, das Anna-Orchester, die Aachener Bachtage, als Gastdirigent regelmäßig das Sinfonieorchester Aachen und vermittelt den Eindruck eines glücklichen Musikers, der sich begeistert an dem „unendlichen Klangfarbenspektrum“ seiner Königin. „Man versucht, mit den Pfeifen der Orgel verschiedene Instrumente darzustellen.“ So hat jeder der Registerzüge, die er aus der Orgel herausziehen kann, einen Namen: Trompete oder Flöte, Fagott oder Oboe. „Manche klingen wie ein Streichinstrument.“

Nun ist die Orgel 2021 auch noch – von den Landesmusikräten ausgerufen – das „Instrument des Jahres“, obwohl sie das aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten und ihres besonderen Ranges gar nicht nötig hätte. Seit 2008 wird dieser Titel verliehen, 2020 war’s die Geige, 2019 das Saxofon; irgendwann ist wahrscheinlich auch die Triangel mal dran. Hage begrüßt die Auszeichnung dennoch, weil sie die Orgel aus ihrem Nischendasein befreien könne. „Die meisten Exemplare stehen in Kirchen. Kirchenferne Menschen bekommen sie nur selten zu Gesicht.“ Der Anna-Kantor würde die Orgel gerne für neue Zielgruppen sicht- und hörbar machen.

„Das ist wie in einem
Restaurant, in dem Sie zum ersten Mal zu Gast sind.
Wie gut es ist, merken Sie
immer erst, wenn der Teller vor Ihnen steht.“

Kantor Georg Hage über das Spielen
an einer unbekannten Orgel

Schöner und erhabener

Georg Hage beherrscht beide Instrumente; aber schöner, erhabener und inspirierender als am Klavier sei das Musizieren auf der Orgel. „Sie räumt mir mehr Möglichkeiten zur Klanggestaltung ein. Klavier und Orgel sind sich als Tasteninstrumente ähnlich. Das betrifft aber nur die Spielweise. Darin, wie sie den Ton erzeugen, unterscheiden sich beide Instrumente grundlegend.“ Das Klavier ist wie Geige und Gitarre ein Saiteninstrument, das mit Hämmern Saiten anschlägt, während der Geigenbogen Saiten streicht und an der Gitarre Saiten gezupft werden. „Die Orgel ist jedoch ein Blasinstrument, das mit Tasten Pfeifen bedient. Wie bei einer Flöte oder Oboe wird ein Luftstrom zum Klingen gebracht. Die Luft schwingt, die Orgel atmet; das kommt dem menschlichen Gesang nahe.“ Und genau an der Stelle bringt Hage es auf den Punkt: „Die Orgel hat für mich etwas Menschliches.“

Und wenn es der Königin nicht gut geht, wenn irgendetwas nicht stimmt, eine Pfeife Probleme macht, merkt Hage das. Dann steigt er der Orgel unters Dach, wenn es nötig ist. „Dazu sind Organisten in der Lage. Sie kennen sich auch im Orgelbau aus, können Stimmungskorrekturen oder kleine Reparaturen vornehmen.“

Hages Zuneigung zu seiner Königin ist groß. Wie er über sie spricht, offenbart eine gewisse Liebesbeziehung. Liebe auf den ersten Blick dürfte es nicht ganz gewesen sein. Wie die meisten Organisten hat er sich der Orgel sachte genähert, sich mit ihr vorsichtig vertraut gemacht. „Es ist üblich, dass man als Kind mit dem Klavier startet, um das Spiel auf dem Tasteninstrument zu lernen und das Spiel der Hände zu koordinieren. Denn bei der Orgel kommt dann später noch das Spiel der Füße hinzu. Und ein Kind kann die Fußpedale noch nicht erreichen.“

Orgelspiel ist Multitasking. „Wer sehr gut Orgel spielen kann, braucht im Grunde keine Fahrstunden mehr, wenn er den Führerschein machen will. Denn die Koordination vom Bedienen des Cockpits mit seinen Schaltern und Hebeln und dem Betätigen der Füße ist automatisch da.“ Das mögen Fahrlehrer und Fahrprüfer anders sehen, aber Hage kennt eben die Vorzüge des Orgelspiels. „Am Klavier mit den Händen gelingt den meisten die Koordination“, weiß Hage. „Auf der Orgel ist das zunächst ein langer Weg mit viel Frustrationspotenzial. Das schafft nicht jeder.“

Die Orgel ist in der Regel an einen Ort gebunden und nicht mobil. Das muss kein Nachteil sein: „Ich bin ganz froh, dass ich mein Instrument nicht immer mitnehmen muss. Ich komme irgendwohin, und es ist schon da. Es ist immer wieder aufregend und eine Überraschung“, sagt Hage. „Wie ist sie gestaltet? Wie klingt sie?“ Er liebt das; auch wenn böse Überraschungen nicht ausgeschlossen sind. „Das ist wie in einem Restaurant, in dem Sie zum ersten Mal zu Gast sind. Wie gut es ist, merken sie immer erst, wenn der Teller vor Ihnen steht.“

Seit vier Jahren gehören Orgelmusik und Orgelbau zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Jede Orgel ist ein Unikat – „auf den Raum und dessen Maße abgestimmt“. Sie habe mindestens den Preis eines „hochwertigen Einfamilienhauses“, aber dafür auch „eine extrem lange Lebensdauer“, erläutert Hage. Es gibt Orgeln, die mehrere hundert Jahre alt und gut bespielbar sind. Wichtig ist die Raumtemperatur – idealerweise 15 bis 18 Grad.

Katholisch und evangelisch

In der katholischen Kirche hat die Orgelmusik in erster Linie der Liturgie zu dienen und verschiedene Teile des Gottesdienstes zu verbinden. „Deshalb hat die Improvisation dort traditionell eine etwas größere Bedeutung als in der evangelischen Kirche. Auf der Orgel ist immer schon im hohen Maße improvisiert worden; das ist eine eigene Kunst, in der ein Kirchenmusiker auch ausgebildet wird.“ In der evangelischen Tradition habe die Orgelmusik mehr eine eigenständige Funktion. „Eine Bachkantate ist ein zentrales Element eines Gottesdienstes.“

Jetzt zu Pfingsten ist das musikalische Programm aus pandemischen Gründen reduziert. Ein Vokalquintett wird am Sonntag in der Annakirche Pfingstmotetten aus der Barockzeit vortragen. Corona zwingt den Kantor Georg Hage und die Königin noch einmal, sich zu beschränken. Das ist schade, aber beide nehmen es gelassen hin. Sie wissen schließlich, was sie können.

(aus: AZ/AN v. 22.05.2021)

 

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